Zuletzt aktuallisiert: 13.06.2018, 18:38:33 Uhr Angedacht


„Wer kennt den Geist des Herrn?“ oder in der Luther-Übersetzung: „Wer hat des Herrn Sinn erkannt?“, fragt der Apostel Paulus und zitiert den Propheten Jesaja. Der hatte es so gefragt: „Wer kann die Gedanken Gottes abmessen?“
Mit dem „Herrn“ meint Paulus natürlich hier Jesus Christus, den er als die absolute Verkörperung von Gottes Heiligem Geist erkannt hat. „Wer hat des Herrn Sinn erkannt?“ Diese Frage ist so groß, wie die Antwort unmöglich ist. Aber ich versuche doch, mir etwas vorzustellen – ich denke versuchsweise den Heiligen Geist als das „gewisse Etwas an Liebe“, so wie es Jesus Christus gelehrt und gelebt hat. Dabei merke ich schnell, dass mir dieses „gewisse Etwas an Liebe“ leider öfter fehlt, als mir lieb ist. Aber nicht nur mir: Auch den christlichen Kirchen hat genau das immer wieder gefehlt. Heftige Streitigkeiten zwischen den christlichen Konfessionen durchziehen die Geschichte – viel zu oft unbarmherzig ausgetragen, immer wieder sogar blutig. Welche Wunden tragen Glaubende noch heute in sich, weil die Kirchenoberen, oder auch die einfachen Geistlichen, die Ortspfarrer rechthaberisch alle Wahrheit für sich beanspruchen und andere Traditionen verteufeln und unbarmherzig bekämpfen?
An eine riesige Wunde müssen wir uns in diesem Frühjahr erinnern. Am 23. Mai vor vierhundert Jahren begann der Dreißigjährige Krieg mit einer frechen Tat in Prag. Protestanten warfen katholische Gesandte aus dem Fenster des königlichen Palastes. Keiner starb dabei, alle wurden aber durch den 17-Meter-Sturz in den Burggraben erheblich verletzt. Von da an begannen europäische Religionskriege, die viele Jahre lang ganze Landstriche verwüsteten und erst durch den sogenannten „Westfälischen Frieden“ in Osnabrück und Münster 1648 ein Ende fanden. Wir können getrost davon ausgehen, dass diese fürchterlichen Kriege und ihre Folgen über 1648 hinaus nicht dem Geist Gottes entsprachen und bestimmt nicht in „Christi Sinn“ waren.
Ich glaube, der Heilige Geist ist das Gleiche, wie der Sinn Christi, nämlich das gewisse Etwas an Liebe. Wir finden diesen Geist nirgendwo so schön erzählt wie in der Bergpredigt Jesu, in den Seligpreisungen und in den Worten vom tiefen Gottvertrauen – als seien wir Vögel am Himmel oder Lilien auf dem Feld.
Jesus wünscht sich nicht, dass wir die Dinge sein lassen, wie sie sind; er wünscht sich, dass wir den Dingen mit Liebe gegenübertreten, also mit Barmherzigkeit, Sanftmut und dem unbedingten Willen nach Gerechtigkeit. Wir sollen nicht sorglos sein, sondern voller Vertrauen zu Gott, dem Ewigen und Barmherzigen. Aus diesem Vertrauen heraus sollen wir der Welt begegnen und immer wieder danach suchen, nach diesem gewissen Etwas an Liebe. Und immer, wenn wir merken, dass uns genau dies fehlt, dürfen wir zu Gott beten und rufen: Komm, Heiliger Geist!

Ihr
Pfarrer Thomas Ludwig




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